zentrale landesbibliothek tempelhof

Projekttyp: Stadtplanung, Adaptive Reuse

 

Standort: Berlin

 

Zeitraum: 2013

 

Status: Wettbewerb

 

Erläuterungsbericht

Der südöstliche Eckpunkt der Parklandschaft Tempelhof ist aufgrund seiner infrastrukturellen Anbindung der am intensivsten genutzte zukünftige öffentliche Zugang zum ehemaligen Flughafen Tempelhof. Die hier zu erstellende Zentral- und Landesbibliothek für Berlin ordnet als hochbauliche Dominate nicht nur die Eingangssituation entlang der Rollbahnfuge und das städtebauliche Umfeld des entstehenden Quartiers, sondern wird gerade auch für die passierenden Verkehrsteilnehmer überregionales Wahrzeichen und Tor für Berlin sein.

Städtebau

Die Verfasser schlagen für das städtebauliche Leitbild des Quartiers eine ruhige, rechtwinklige Straßenführung vor, die das gelernte Berliner Kiezbild der Blockstadt auch an diesem Ort als Identitätshintergrund weitererzählt. Abnehmend vom Tempelhofer Damm mit einer klassischen Berliner Blockhöhe stufen sich die Höhenquoten der Volumen und die einhergehende Nutzungsdichten von Westen nach Osten geschossweise ab, so dass zur Parklandschaft eine maßstäblich verträgliche Promenadenkante von vier Geschossen plus Staffel entsteht. Im südlichen Baufeld wird dieses Leitbild fortgeschrieben.

Zwei Platzraumthemen definieren diese Blockstadt. Einerseits nehmen wir in Nord–Süd-Ausrichtung den langen Bogen der alten Flughafenbahntrasse auf, die den Straßenraum zur Angerform bogenförmig weitet und das Quartier dadurch mit einem linearen Platzraum zwischen den beiden Rollbahnfugen vernäht.

 

Trotzdem ist dieser Bewegungsraum im urbanen Gefüge nur von zweitrangiger Ordnung, mündet doch seine südliche Weitung in den großen Stadtplatz, der durch das Großvolumen der Bibliothek und die umgebenden Räume bestimmt und zoniert wird.

Die Verfasser definieren für die Zentrale Landesbibliothek (ZLB) ein hochbauliches Volumen, das durch seine rechtwinklige Grundrissfigur klar definierte Räume zwischen sich und den Quartierskanten aufspannt. Durch die kubische Setzung werden die im Quartier verankerten rechtwinkligen Raumformen auch am Stadtplatz weiterentwickelt und es entsteht kein abrupter Wechsel zwischen den Innen- und Außenerlebnissen im städtischen Gefüge.

 

Trotzdem entwickelt der Baukörper der Bibliothek durch seine dominante Höhenentwicklung und die weitere formale Ausprägung im Vergleich zur Blockstadt eine starke Eigenständigkeit, die das Quartier gerade durch seinen Maßstabswechsel von doppelter Blockbreite – Höhe in der Fernwirkung überstrahlt.

Als städtebaulicher Hybrid erlaubt die Wahl dieses „Megablockes“ durch das Verwandtschaftsverhältnis zum rationalen Ordnungssystem der Blockstadt, die nördlichen und südlichen Quartiersgebiete über die Rollbahnfuge zu verbinden.

Durch Parallelität der Kantenführung aller Stadtkörper entsteht ein Spiel von selbstähnlichen Räumen und Volumen, die gerade das Erleben im Straßenraum zu einer urbanen Kontinuität werden lassen.

Seinen Solitärcharakter spielt das Gebäude vor allen Dingen dann im zweiten Schritt durch seine große Höhe und die formale Behandlung auf architektonischer Ebene aus.

 

Die Position des „Megablocks“ in Proportion und seiner Ost-West Ausrichtung steht im Wechselspiel der intendierten Raumfolgen um ihn herum. Nah an die Rollbahnfuge gerückt, begleitet die Bibliothek diesen von Pappeln gesäumten Haupteingangskorridor in die Parklandschaft Tempelhof mit seiner wichtigsten Fassadenseite. In Richtung des westlichen großen Stadtplatzes wird die Rollbahnfuge mit Wasserflächen fortgeschrieben. Dadurch wird der Stadtplatz räumlich auf ein menschlich angenehmes Maß verkleinert, die Wasserspiele der Becken legen eine angenehme Geräuschbarriere zum Lärmaufkommen von Bahn und Stadtautobahn.

 

Der Stadtplatz ist als steinerner, urbaner Platz gedacht, der vor allen Dingen die fußläufigen Verkehrsströme von Tempelhofer Damm, Tiefgarage und den Bahnausgängen aufnimmt. Grüninseln und urbane Möblierungsthemen beleben und zonieren die große Fläche mit Orten kleinteiliger Mikroqualität.

In seiner Nordostecke dringt ein kompakter aber hoher Block aus der Quartierstruktur auf den Platz. Mit einer prominenten Sondernutzung besetzt, übernimmt er die Funktion eines Torhauses des Bibliothekplatzes am Tempelhofer Damm. Gleichzeitig schafft er durch seine Gelenkstellung im Platzgefüge einen Drehpunkt an der Verengung zwischen großem Hauptplatz, Quartiersanger im Norden und dem nördlich der Bibliothek zur Wohnnutzung hin gelegenen linearen Baumplatz. Diese verschiedenen Piazza – Piazetta Interpretationen vermeiden die klassischen Restraumrisiken um typische Solitärstellungen im Stadtgefüge und zonieren, hierarchisch nach Prominenz und Nutzungsaufkommen geordnet, diese Räume zu Orten mit Potential für eigene Identität.

 

Entwurf

Die Bibliothek selbst verstärkt durch ihre architektonische Hauptgeste die stadträumlich intendierten Qualitäten. Ausgehend von den erwarteten 10.000 täglichen Besuchern, die vor allen Dingen mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen werden, öffnet sich die ZLB mit großem Eingangs- und Aufgangsgestus den ankommenden Bibliotheksbesuchern auf dem Stadtplatz. Ihre Längsausrichtung als Baukörper sowie auch der Aufschwung ihrer großen Treppenlandschaft von Ost nach West, verbindet die Stadt im Westen und die Parklandschaft im Osten in funktionaler aber auch symbolischer Art und Weise.

 

Die Verfasser definieren die Bibliothek des 21. Jahrhunderts vor allen Dingen mit einer neuen Sprache von Öffentlichkeit und Zugänglichkeit. Im heutigen Berlin ist die Bibliothek der Zukunft einer der wenigen wettergeschützten, großen Räume in der Stadt, die ihr Angebot ohne Konsumpflicht zur Verfügung stellen. In unseren städtischen und demokratischen Ritualen wird sie zu einem innovativen Ort des sich Treffens und Begegnens, der weit über das Thema Bücher und Wissen hinaus Strahlkraft entwickeln soll.

 

Deswegen sieht unser Entwurf nicht nur die klassischen innenliegenden Lese- und Begegnungsräume vor, sondern erweitert dieses Qualität um eine große, belebbare Treppenraumskulptur, die mal als Innen-, mal als Außenraum die Gebäudemasse durchschneidet und erlebbar macht.

Der architektonische Entwurf ordnet und kompaktiert das große Raumprogramm auf der ungefähren Grundfläche eines großen Fußballfeldes auf zwölf Geschosse. Dabei wird das Grundvolumen in einem rationalen Kubus effizient gestapelt und mit einem transparenten Fassadensystem auf der gesamten Kantenlänge natürlich belichtet. Die Gebäudetiefe erlaubt dabei in der Kernzone trotz großer Fassadentransparenz stabile Umgebungsbedingungen für die Magazine.

 

Diese Transparenz ist der erste Baustein für das Selbstverständnis zur Öffentlichkeit einer Bibliothek des 21. Jahrhunderts.

Ein sich diagonal durch das Gebäude ziehender Luftraum zoniert und belichtet zusätzlich die jeweiligen Geschosse und einige innere Dunkelzonen und artikuliert als architektonisches Superzeichen die große Einladung, diese moderne Bibliothek zu betreten.

Die geschlossenen Magazine und Hintergrundbereiche des Bibliothekprogramms werden in den unteren 6 Geschossen der Baukörperbasis des abstrakten Kubusvolumens platziert. Durch einen Raum, der subtraktiv aus diesem Bücherblock herausgenommen zu sein scheint, kann der Blick von der Ankunft auf dem Platz durch die Bibliothek hindurch bis in den Himmel schauen. Dieser „Void“ schwingt sich, den Stadtplatz erweiternd, als eine große, öffentliche Platzskulptur zur Lobbyzone im siebten Geschoss hinauf. Durch Fahrstuhl, Rolltreppe oder Serpentinentreppe wird es einem leicht gemacht, diesen vielfältig nutzbaren Höhensprung zu überwinden. Das Platzmobiliar springt auf diesen „Berghang“, belebt die große Berliner Treppe, lädt zum in Besitznehmen mit seinen eigenen Ritualen ein.

 

Die Geste des großen Treppenspaltes, der das Gebäude wie ein „umgekehrter“ Berg durchbohrt, setzt sich innenliegend von der Lobbyzone als Atriumtreppe durch die Publikumsgeschosse bis auf das Dach der Bibliothek hinauf fort. Hier wird die Ersteigung des „Bücherberges“ durch einen atemberaubenden Ausblick auf „Anflughöhe“ über das Tempelhofer Feld belohnt. Die normalerweise ebenerdig erlebte endlose, flache Weite des Feldes wird von diesem Ausguck aus räumlich und in seinen Dimensionen erfassbar.

Das diagonale Atrium zoniert das Programm auf den verschieden Geschossen und erlaubt an seinen Raumkanten die Choreographie unterschiedlichster Arten des Treffens und gemeinsamen Seins. Die Bibliothek der Zukunft legt ihren Schwerpunkt vor allem auf die verschiedenen Attraktivitäten des Treffpunktes. Der Zugriff des Wissens wird im 21. Jahrhundert dabei nicht nur als individuelles Arbeiten, sondern immer mehr als kollektives Miteinander zelebriert.

Daher wird die Zentral- und Landesbibliothek Berlin in unserem Entwurf vor allen Dingen als ein Ort des gemeinsamen Bewegens und Erlebens entworfen. Die große Himmelstreppe ist nicht nur begehbares Landschaftsbild, sondern auch eine Weiterentwicklung des klassischen Atriums und Lesesaals zu einem Traumort über der Stadt. Dieser über den Horizont erhabene öffentliche Ort strahlt durch seine Architektur weit in das Gedächtnis der Stadt hinaus und wird Ziel einer neugierigen Reise zu einer Begegnung mit dem Wissen Berlins.

 

„Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.“ – Jorge Luis Borges, Die letzte Reise des Odysseus

 

Wirtschaftlichkeit

Die kompakte, rationale Gebäudefigur garantiert eine Optimierung der inneren Erschließungsabläufe und erlaubt eine hohe Servicedichte für alle Betriebsparameter. Der Skelettbau ist damit auch für eine größtmögliche Zukunftsflexibilität bei Nutzungsanpassungen ausgelegt. Das günstige Verhältnis von Volumen zu Hüllflächen wird nur für die große Identitätsstiftung durch das skulpturale Treppenatrium willentlich verschlechtert. Aber ohne, dass dabei die grundsätzliche Effizienz des Gebäudes stark vermindert würde.

 

Tragwerkskonzept

Das Tragwerkskonzept zeichnet sich durch ein großes Stützenraster und eine effiziente Bauweise durch den hohen Grad an Vorfertigung und eine effektive Lösung der Gebäudeauskragung über der Treppenlandschaft aus. Die Geschossdecken leiten die Lasten über vorgefertigte Deckenelemente auf Unterzüge ab, die im Abstand von 11m von Fertigteilstützen unterstützt werden. Dadurch kann eine hohe Flexibilität wie auch eine kostengünstige Bauweise erreicht werden. Die Stabilität wird über die im Gebäude verteilten Erschließungs- und Sanitärkerne erzielt.

Die Auskragung des Gebäudes über der Freitreppe wird über dreigeschossige (L8- L10) Fachwerkträger in den Gebäudeachsen über der Auskragung ermöglicht. Da diese Fachwerkträger sich nur im Innern des Gebäudes befinden, zeichnen sie sich nicht in der Fassade ab und beeinträchtigen nicht das transparente Erscheinungsbild des Gebäudes.

 

Energiekonzept

Wir schlagen ein integriertes Energiekonzept für das gesamte neu zu errichtende Viertel um die Bibliothek vor, welches Verbrauchssschwankungen zwischen Bibliothek und Wohnen/Gewerbe nutzt und eine effiziente und kostengünstige Versorgung zentral und im Verbund mit einer Quartiers-Energiezentrale erlaubt. Da sich die größten Komponenten der Energiezentrale außerhalb der Bibliothek befinden, sind hierfür keine Aufstellfläche für technische Anlagen auf dem Dach erforderlich.Das Energiekonzept besteht aus der Kombination einer preisgünstigen Wärmepumpe (betrieben durch Photovoltaik) und wird ergänzt durch eine Brennwertkessel-Anlage mit Gas/Biogasbefeuerung. Dieses System ist nahezu CO2 neutral, hat niedrigere Energie-/Verbrauchskosten als konventionelle Anlagen und nutzt die bereits vorhandene Gasversorgung des Viertels.

Die Wärmepumpe (Erdwärme) in Grundlast deckt, solange es die Außentemperaturen erlauben, insgesamt bis zu 70% des Jahresbedarfs an Wärme ab. Die Pumpen werden über Photovoltaik betrieben und bei Stromüberschuss erfolgt Netzeinspeisung. Die Wärmepreise zum Betrieb der Bibliothek können somit um ca. 30% unter den Fernwärmepreisen liegen. Eine Brennwertkesselanlage deckt die Spitzenlast ab und kann über einen Ring auch weitere Gebäude des Areals versorgen.

 

Nachhaltigkeit

Die Bibliothek zeichnet sich durch eine kompakte Gebäudeform in Verbindung mit einer hocheffizienten Fassade aus. Natürliche Belichtung und winterliche Sonneneinstrahlung werden maximal ausgenutzt. Regenwasser der Dach- und Außenflächen wird in die landschaftlichen Wasserflächen zur Zwischenspeicherung und Versickerung eingeleitet. Die Wasserflächen und die Hauptwindrichtung aus Südwest sorgen im Zugangsbereich für ein angenehmes Mikroklima und können im Sommer die gefühlte Außentemperatur verringern. Zudem verringert die Bepflanzung auf der Freitreppe negative Zugerscheinungen.

Mehr...