Wie werden wir wohnen?

Zurück

Wie werden wir wohnen?

Vier Wände und ein Dach zum Leben – Wohnraum ist die ureigene Aufgabe der Architektur. Aber wie gestalten wir die Zukunft dieser Bauaufgabe? Welche Entwicklungen beeinflussen die Struktur der Quartiere? Wie werden sich die Städte der Zukunft anfühlen?

Für die Sonderausgabe zum 80. Jubiläum des Berliner Tagesspiegel haben die GRAFT-Gründer Thomas Willemeit, Wolfram Putz und Lars Krückeberg in einem Essay eine Zukunft des Wohnens entworfen. Diese Zukunft wird erst dann zu einem positiven Ort, wenn wir verstehen, dass wir sie beeinflussen können. Denn sie entsteht aus der Gegenwart und ist begründet in unserem heutigen Handeln. Wenn wir also die Frage stellen, wie wir künftig wohnen werden, dann ist das keine bloße architektonische Frage, aber ein Abbild unserer Haltung zum Zusammenleben und unserer Vision einer lebendigen Stadt.

Dieser Text erschien in seiner Urfassung am 28. September 2025 im Berliner Tagesspiegel: tagesspiegel.de

Städtische Uferpromenade mit modernen mehrstöckigen Gebäuden, Menschen auf Booten und an einem Steg, Bäumen und einem Luftschiff am Himmel
Zukunftsvision der Berliner Mollstraße © GRAFT

Wohnen in Gemeinschaft

Die gesellschaftlichen und demographischen Verschiebungen der letzten Jahrzehnte haben die Idee vom Wohnen als privatem Rückzugsort in einem traditionellen Familienmodell grundlegend verändert. Heute leben mehr Menschen alleine oder auch alleinerziehend als je zuvor, und zugleich oftmals in Wohnungen, die weder in ihrer Größe noch in ihrer Struktur diesem Lebensentwurf gerecht werden. Entsprechend brauchen wir Wohnmodelle, die das Ideal des idyllischen Eigenheims erweitern. Modelle, in denen die einzelne Wohnung kompakter wird, die Lebensqualität jedoch durch gemeinschaftlich nutzbare Räume, durch nachbarschaftliche Infrastrukturen und architektonisch intelligente Übergänge zwischen Privatheit und Öffentlichkeit aufgewertet wird.

Bezahlbarer Wohnraum kann eben auch dadurch entstehen, dass die Wohnungen kleiner werden, sie dafür aber in der Aufteilung und im Schnitt der Fläche so intelligent sind, dass man gerne in ihnen wohnen möchte. Durch flexible Strukturen der Gebäude können Einheiten je nach Lebensabschnitt mitwachsen. Und genau an dieser Stelle sind die Architekten gefordert, durch Erfahrung und Ideenreichtum gut funktionierende und flexible Grundrisse zu gestalten und eine hohe Qualität zu erzeugen.

Dachterrasse mit Holzsteg, Sitzgelegenheiten und vielfältiger Bepflanzung vor einer Stadtansicht mit Hochhäusern und Fernsehturm
Gemeinschaftlich genutzte Dachterrasse - Charlie Living, Berlin © Patricia Parinejad
Mehrstöckiges modernes Bürogebäude mit großen Glasfronten und beleuchteten Innenräumen bei Dämmerung
Büros, Gewerberäume, Wohnungen - alles unter einem Dach - GRAFTLAB, Berlin © Patricia Parinejad
Huhn läuft auf einem Platz vor zwei sitzenden Personen mit Tablet und Stift in urbaner Umgebung
Eiswerk, Berlin @ Trockland
Mehrstöckige moderne Wohngebäude mit großen Fenstern und Balkonen hinter grünen Bäumen
Wohnungen in unterschiedlichen Größen - Paragon Apartments @ Kevin Fuchs

URBAN CELL als modulare und nachhaltige Nachbarschaft

Dabei ist nicht nur an innerstädtische Wohnblöcke zu denken. Analoge Prinzipien sind auch für das Wohnen im Einfamilienhaus realisierbar. Zusammen mit der Unternehmerin Jana Mrowetz hat GRAFT „Urban Cell“ entwickelt, ein Konzept für modulare Wohnquartiere, das mit innovativen konstruktiven, energietechnischen und vor allem aber sozialen Lösungen das eigene Haus wieder bezahlbar machen will. Gedacht für europäische Metropolregionen kombiniert Urban Cell private Wohneinheiten in verschiedenen Größen mit einem gemeinschaftlichen Clubhaus, Coworking-Flächen, wechselnd nutzbaren Gästeräumen sowie verschiedenen Angeboten für Erholung und Freizeit. Mit dieser Flexibilität in der Nutzung wächst (und verkleinert sich) sich der eigene Platz zum Wohnen parallel mit den Veränderungen im Lebensverlauf.

So wird neuer Wohnraum erschlossen, aber eingebunden in ein soziales Netzwerk und nicht als reiner Platzverbrauch der grünen Wiese. Denn die Option mit weniger Fläche auszukommen, basiert nicht auf einer rein ökonomischen Begründung. Vielmehr geht es darum, welche Qualität wir jenseits der eigenen vier Wände denken können und wie zukünftige Quartiere Identitäten ausbilden, in die Wohnungen und ihre Bewohner eingebettet sind. Und ob sie ihren Bewohnerinnen und Bewohnern vielfältige Möglichkeiten der Teilhabe und Begegnung bieten.

ein warm beleuchteter Wohnraum, Menschen verschiedenen Alters sitzen beisammen
Gemeinschaftliches Clubhaus in einer URBAN CELL community © GRAFT
ein Quartier aus mehreren Einfamilienhäusern, Menschen sitzen in einem Café
Neuer Wohnraum, eingebunden in ein soziales Netzwerk © GRAFT

Die Zukunft liegt im Bestehenden

Solche Konzepte für Neubauten ergänzen sich mit den Aufgaben für die bestehenden Wohnstrukturen. Denn das Wohnen der Zukunft findet zum größten Teil in jenen Häusern statt, die heute schon stehen. Diesen Bestand zu pflegen, zu erhalten und klimaneutral oder besser noch klimapositiv zu ertüchtigen, rückt mehr und mehr ins Zentrum.

Die Mittel, mit denen die physische und psychische Gesundheit der Menschen ebenso wie die Habitate der Tiere und Pflanzen geschützt werden können, sind dabei schon lange bekannt: versiegelte Flächen aufbrechen, Frischluftschneisen schaffen (oder erhalten), tierfreundliche Bepflanzung und Bäume integrieren, kreislauffähige Materialien verwenden, Verschattung mitdenken, Regenwasser auffangen, speichern und weiternutzen, Platz für Bewegung und Interaktion freihalten… Die Ideen und Vorschläge im großen und kleinen Maßstab sind zahlreich und ihr Erfolg gut belegt. Was hindert uns daran, sie einzusetzen und unsere Stadt gesünder, besser zu machen?

Dass dieser notwendige Einsatz an vielen Orten zu vermissen ist, kann auch durch die geringe Eigentumsquote in Deutschland begründet werden. Historisch bedingt durch den drängenden Wiederaufbau der Nachkriegszeit und ostdeutsche Planwirtschaft gehört sie zu den niedrigsten in Europa. Aber Eigentum stärkt Verantwortung, erzeugt Engagement und fördert Stabilität. Wenn wir über die Zukunft des Wohnens sprechen, müssen deshalb auch neue Eigentumsformen viel stärker verbreitet werden, die mehr Menschen eine Teilhabe ermöglichen: Genossenschaften oder Baugruppen beispielsweise.

Eckansicht eines mehrstöckigen Wohngebäudes mit modernen Dachgauben und weißen Fassaden unter blauem Himmel
Aufstocken, Ergänzen, Erhalten - Ainmillerstraße, München © GRAFT
Moderner mehrstöckiger Wohnbau mit großen Balkonen und Glasgeländern vor herbstlich gefärbtem Baum und Wiese
Potentiale der Nachverdichtung nutzen - Novalisstraße, Berlin © Joe Clark
Innenhof am Abend, Menschen sitzen beieinander
Bestehende Gebäude umnutzen © Trockland
Straßenfront mehrerer Wohngebäude in einer Straße. Ein neu gebautes Gebäude fügt sich nahtlos in die Reihe ein
BRICKS © Trockland
Innenhof eines historischen Wohngebäudes
Den Bestand pflegen und erhalten - Eiswerk, Berlin © Noam Rosenthal/Trockland

Aber auch diese Ideen dürfen nicht in einer weiteren Überregulierung des Bauprozesses enden. Die politischen und bürokratischen Mechanismen, die gegenwärtig vielerorts das Bauen blockieren, erzeugen einen Zustand, in dem anstelle des besten Konzeptes, das am wenigsten strittige den Zuschlag erhält.

Es braucht also dringend den Mut, wieder zuzulassen, dass Ideen konkurrieren und dass Experimente gewagt werden dürfen. Ohne Vertrauen in die Akteure keine Bewegung und keine Innovation.

Chancen der Digitalisierung

Ebenso aufgeschlossen müssen wir uns den Prozessen der Digitalisierung zuwenden. Künstliche Intelligenz wird nicht die Planerinnen und Planer ersetzen, aber sie wird helfen, Prozesse zu vereinfachen, die Entwurfsvielfalt zu steigern und Kosten zu reduzieren. Bereits heute wird dies deutlich im Bereich des seriellen Bauens, wo KI-gestützte Verfahren in der Lage sind, die Qualität der Gebäude zu erhöhen, weil mit ihnen die vormals uniformen Serienprodukte individualisiert werden können.

Eine große Chance, denn zumeist führt serielle Vorfertigung zu kostengünstigerer Herstellung und am Ende zu kürzeren Bauzeiten, was sich gerade im innerstädtischen Bereich in weniger Baustellen, weniger Platzinanspruchnahme und kürzeren Finanzierungszyklen niederschlägt. Wobei auch diese Planbarkeit verschiedene Autoren haben muss: eine Vielzahl an Firmen, an Materialien, an Herstellungsprozessen, die den Bereich des seriellen Bauens mit Auswahl und auch Konkurrenz beleben.

Explosionsgrafik des modularen Umbaus eines bestehenden Wohnhauses aus den 1960er Jahren
Modularer Umbau eines Wohnhauses aus den 1960er Jahren - Modellblock Wittenberge © GRAFT
modular erweitertes Wohngebäude aus den 1960er Jahren
Modularer Umbau eines Wohnhauses aus den 1960er Jahren - Modellblock Wittenberge © GRAFT
Mehrere kleine weiße dreidimensionale Modelle auf hellem Untergrund verteilt
Variation der Gebäudetypen - URBAN CELL © GRAFT

Mobilität gehört zur Rechnung dazu

Untrennbar mit dem Wohnen ist die Mobilität verbunden. Die Art, wie wir uns durch die Stadt bewegen, bestimmt maßgeblich, wie und wo wir wohnen können. Man stelle sich vor, auf den Straßen dominieren emissionsfreie und leise Mobilitätsformen statt der heute verbreiteten Verbrennungsmotoren – es verändert sich das gesamte städtebauliche Gefüge. Straßenräume können neu gedacht, Flächen umgenutzt und anders wahrgenommen werden, die Hauptstraße mit dem Durchgangsverkehr ist letztlich nicht mehr das Problem. Wenn der Lärmpegel sinkt, sind weniger Schallschutzmaßnahmen notwendig und damit sinken die Baukosten. Es entsteht ein anderes Umfeld für öffentliche Nutzungen im Erdgeschoss und eine Stadt, in der ich gerne zu Fuß unterwegs bin.

Wenn Mobilität jetzt noch die vertikale oder unterirdische Dimension mit einbezieht, gewinnen wir neuen Raum für urbane Lebensqualität. Das Beispiel Magnetschwebebahn könnte mit bepflanzten und mit Photovoltaik ausgestatteten Trassen zeigen, wie es geht. In vergleichbarer Art lassen sich viele weitere Innovationen denken, wenn man aus einem dichotomen Entweder-Oder zu einem integrativen, in die Zukunft gerichtetem Denken gelangt.

Magnetschwebebahn auf Stützen, unter der Fahrbahn sind Stellplätze, Parkanlagen und Sportbereiche zu sehen
Mobilitätsangebote unter dem Fahrweg einer Magnetschwebebahn - Maglev Urban Infrastructure © GRAFT
Magnetschwebebahn auf Stützen, unter der Fahrbahn sind Stellplätze, Parkanlagen und Sportbereiche zu sehen
Der aufgeständerte Weg wird zur Stadtbegrünung genutzt - Maglev Urban Infrastructure © GRAFT
Ladestation für E-Autos
Schnellladestation für E-Autos - E.ON, Essen © Michael Romstoeck

Gegensätze sind nicht das Problem der Stadt, sie sind ihre Qualität!

Es gibt viele Wege, Städte zu einem Ort zu machen, an dem wir gerne leben. Zu feiern, dass sie heterogene Räume sind, an dem sich unterschiedliche Träume, und Sehnsüchte begegnen, statt zu bedauern, dass sich die Dinge eben beständig wandeln.

Zu einer Stadt gehören die Experimente der 1970er Jahre ebenso wie die Gründerzeitquartiere, die Hochhäuser im Zentrum ebenso wie der Bungalow im Speckgürtel. Für das Wohnen der Zukunft braucht es darum eine Haltung, die die Ambivalenz der Stadt nicht als Problem begreift, sondern als ihr Wesen.

Eine Stadt ist immer ein Kompromiss. Sie ist laut und leise, dicht und offen, geplant und gewachsen. Wenn wir dies akzeptieren, wenn wir die Unterschiede nicht nur dulden, sondern als Antrieb begreifen, dann wird Wohnen auch für alle Menschen wieder mit Freiheit verbunden sein.

grüner Innenhof
© Patricia Parinejad